Praktika

Für das Leben lernen

Praktika ergänzen den Unterricht in der Oberstufe

Häufig wird der Waldorfschule vorgeworfen, sie sei wirklichkeitsfern und bereite die Schüler nicht ausreichend auf das Leben vor. Dieser Vorwurf ist schon deshalb abwegig, weil in kaum einer anderen Schule soviel praktisch handwerklich und künstlerisch gearbeitet wird wie an der Waldorfschule. In der Oberstufe wird dieses Konzept durch zahlreiche Praktika ergänzt. In den Klassen 9 bis 11 finden für die Schüler pro Schuljahr zwei Praktika von jeweils 2-3 Wochen Dauer statt. Sie beschreiben dabei einen Weg steigender Anforderungen an die Selbstständigkeit.

In der 9. Klasse setzen sich die Schüler im primären Wirtschaftssektor (Land- und Forstwirtschaft) mit dem Arbeitsalltag, seinen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Zusammenhängen auseinander. Während das Forstpraktikum noch im Klassenverband stattfindet, durchleben die Schüler das Landwirtschaftspraktikum zu zweit in den Familien der Landwirte.

Landwirtschaftspraktikum in England

Das Vermessungspraktikum in Klasse 10 ist wiederum ein Klassenprojekt, bei welchem auf Basis eines Kartierungsauftrages von staatlicher Seite unter Anwendung von Ingenieurtechnik in Gruppen ein Gebiet vermessen und kartiert wird. Dies fordert das genaue Beobachten der Landschaftsstruktur, den selbständigen Umgang mit den Geräten, die Verantwortung für die Genauigkeit bei Messung und Datenauswertung als auch die gewissenhafte Entscheidungsfindung.

Feldmesspraktikum, Schülerin bei der Arbeit mit dem Theodolit

Das Handwerkspraktikum in Klasse 10, das Industriepraktikum und das Sozialpraktikum in Klasse 11 werden von jedem Schüler individuell in einem selbstgewählten Betrieb bzw. einer sozialen Einrichtung organisiert und durchgeführt. Wesentlich in diesen Praktika ist neben der Herausforderung der selbständigen Planung und Realisierung des Praktikums die Erfahrung der Belastungen, aber auch Perspektiven des Arbeitsalltages in den verschiedenen Berufszweigen. Gerade in Klasse 11 ist über die technisch inhaltlichen Erfahrungen hinaus die individuelle Auseinandersetzung und kritische Beleuchtung des Erlebten wesentliches Element des Praktikums, das den Bogen spannt vom Wesen industrieller Prozesse über eine global vernetzte Welt hin zur individuellen Biographie. Zum Teil wird das Industriepraktikum von den Schülern der 11. Klasse in Moskauer Betrieben durchgeführt

Industriepraktikum in einem Moskauer Betrieb

Ziel all dieser Praktika ist die Erweiterung des Erfahrungshorizontes der Schüler für Lebenszusammenhänge am konkreten praktischen Arbeitsalltag, welcher von den Schülern immer auch in den theoretischen Zusammenhang gestellt werden muss. Dazu wird vom Schüler zu jedem Praktikum ein Bericht angefertigt, in dem die Erläuterung des theoretischen wie praktischen Umfeldes im Praktikum sowie über die Jahre zunehmend auch die individuelle Auseinandersetzung mit den Erfahrungen im Praktikum gefordert ist. Damit sind die Praktika grundsätzlich an den Unterricht angebunden, sei es Biologie, Wirtschaftskunde, Mathematik oder Sozialkunde.

Mit den Praktika wird den Schülern eine Brücke zur Berufswelt gebaut und eine Möglichkeit zur Berufsorientierung geschaffen. Für die Schüler besteht die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten an den realen Erfordernissen der Arbeitswelt zu messen. Das wirkt zugleich auf die im Schulalltag nötige Fähigkeit zurück, Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen und sich selbstständig Lernziele zu setzen. Bei den selbst organisierten Praktika erüben die Schüler das Bewerben an Einrichtungen und das selbstverantwortliche Zusammenarbeiten mit fremden Menschen. Oft nutzen die Schüler die Möglichkeit, ein Praktikum im Ausland zu absolvieren, um gleichzeitig ihre fremdsprachlichen Fähigkeiten zu erweitern.

Die Erfahrung zeigt zunehmend, wie wesentlich dieser intensive und vielgestaltige praktische Bezug der Schüler zum Leben neben dem theoretisch fundierten Unterricht für ein differenziertes lebensnahes Denken sowie für ein sicheres Reflexionsvermögen der eigenen Fähigkeiten und Entwicklungsvorstellungen ist.

Michael Depka, Fachlehrer Biologie und Geografie